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Das Verkaufsgenie und die Chutneys

Das Verkaufsgenie und die Chutneys
November 27, 2017 Svenja Weber

Ein Interview mit Michael Werry

8:00 Uhr morgens. In der Knasteria, dem Mitarbeiter Bistro der Justizvollzugsanstalt Bremen, laufen schon die Pfannen heiß. Herzhaftes zum Frühstück – tagesaktuell: Omelette & Co. On top bahnen sich die feinen Aromen der delikaten Chutneys ihren Weg in den Gastraum.

Schließlich gewinnen sie das Rennen um unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Genauso wie der junge Mann am Tresen, der vom Chutney behauptet, es sei mehr als nur die Summe seiner Zutaten. Wir sind ganz Ohr!

Guten Morgen, meine Name ist Michael Werry. Ich bin mittlerweile seit etwas über drei Jahren hier. Seit über zweieinhalb Jahren arbeite ich in der Knasteria, dem Bistro der JVA Bremen – heißt, ich bin zurzeit einer der ältesten Mitarbeiter im Team.

Was sind deine Tätigkeitsschwerpunkte im Bistro?

Michael: Ich bin für die Kasse zuständig und wenn hinten im Service oder in der Küche Not am Mann ist und Unterstützung gebraucht wird, springe ich auch da ein, bediene die Gäste, koche und übernehme auch alle anderen Küchenarbeiten, die grade anstehen. Kurz gesagt: Wo eine Lücke im Arbeitsablauf entsteht, muss ich da sein.

Bist du auch an der Produktion der Knasteria – Chutneys beteiligt.

Ja klar. Grade gestern habe ich noch die ganzen Zutaten zusammengestellt, alles abgewogen, die Zwiebeln und den Ingwer geschnitten. Je nach Rezept bereite ich immer alles so vor, dass der Chef nur noch die Pfanne anschmeißen muss und wir anfangen können zu kochen.

Jetzt mal Hand aufs Herz, Chutneys gibt es ja heute wie Sand am Meer. Warum sollte ich jetzt grade zu eurem Chutney greifen?

Michael: Weil es Chutneys sind, die von bösen Buben in liebevoller Handarbeit und mit frischen Produkten hergestellt werden.

Selbst wenn der Kochvorgang abgeschlossen ist, machen wir von Deckel dicht machen bis zum Glas putzen alles selbst. Komplette Handarbeit! Auch der Geschmack überzeugt.

Dieses Intensive und Herzhafte bei dem Mangochutney kann man wunderbar zum verfeinern von Fisch und Fleisch nehmen. Oder man legt sich beim Grillen ein Brot oben drauf und tunkt dann das geröstete Brot hinein. Das Mango- und das Apfelchutney sind für mich die besten. Da ich allergisch auf Tomaten bin, kann ich zu der Sorte nichts sagen.

Ist gekauft! Bist du auch in die Entwicklung der Rezepturen involviert?

Michael: Die Chutneys sind durch die RTL Dokureihe ‚Henssler hinter Gittern‘ entstanden. Ich selbst habe Steffen Henssler nicht kennengelernt, da ich zu dem Zeitpunkt noch nicht hier war. Das Urrezept stammt also von ihm, aber mittlerweile haben wir auch neue Sorten, die unser eigener Chef kreiert hat. Wir wissen was da reinkommt, wir kennen das Rezept und wir werden zum Probieren aufgefordert. Wir geben hier nichts raus, was nicht schmeckt.

Muss man sich in der JVA eigentlich auch ganz klassisch um einen Job bewerben?

Michael: Ja, auch hier muss sich jeder um die Arbeitsstelle bewerben. Auf Station gibt es entsprechende Ausdrucke, in denen man eintragen muss auf welchen Posten man sich genau bewerben möchte, welchen Schulabschluss man hat, ob man Methadon nimmt oder nicht, etc. Das geht dann seinen Weg vom Büro bis zum Arbeitszuweiser. Dann bekommt Herr Jendrich, unser Küchenchef, die Bewerbung auf seinen Tisch.

Er erkundigt sich auch schon mal bei uns im Team, ob wir den Bewerber kennen und wie der so drauf ist. Wenn das alles passt, fängt der Backgroundcheck des Sicherheitsdienstes an. Die klären dann ab, ob Gefahr von dieser Person ausgeht, ob sie gewisse Drogenprobleme hat, ob sie überhaupt fähig ist in der Küche zu arbeiten und ob es mit den Beamten passt – da ja auch die Anstaltsleitung zum Essen in die Knasteria kommt. Ist das alles gegeben, wird die Person zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Kommt sie zum Arbeiten, stellt sich schon in den ersten Tagen heraus, ob es passt oder nicht.

Wie ist dein Vorstellungsgespräch mit Herrn Jendrich gelaufen?

Michael: Mein Vorstellungsgespräch war an sich ganz easy. Herr Jendrich hat mir gleich gesagt, was Sache ist. Wo er ist, ist oben, falls er mal unten sein sollte, ist unten oben. So läuft das hier. Das war eindeutig und leicht zu verstehen. Am nächsten Tag habe ich auch schon angefangen in der Knasteria zu arbeiten.

Wenn ich deinen Küchenchef oder einen deiner Kollegen fragen würde, welche deiner Allroundfähigkeiten deine größte Stärke ist, was glaubst du würden die mir antworten?

Dass ich ein Verkaufsgenie bin. Das rührt aber auch daher, dass ich eine abgeschlossene kaufmännische Ausbildung im Bereich Telekommunikation bei Nokia Deutschland gemacht habe. Mir persönlich macht aber auch der Service sehr großen Spaß.

Wie hat dir deine Ausbildung dabei geholfen zum Verkaufsgenie zu werden?

Michael: Wenn man so will, habe ich bei Nokia Deutschland nicht nur eine kaufmännische Ausbildung gemacht, sondern auch viel über die Psychologie des Verkaufens gelernt. Wenn man einmal verstanden hat, wie man ein Produkt anpreisen muss, damit es auch wirklich gekauft wird, dann kaufen es die Leute auch. Das greift auch hier im Bistro, denn Beamte sind ja auch nur Menschen. Ich stehe aber auch hinter dem, was wir hier herstellen. Würde ich es nicht tun, könnte ich es nicht vernünftig machen und könnte den Kunden von dem Produkt auch nicht überzeugen. Ich möchte, dass der kleine Azubibeamte die gleiche Qualität bekommt wie der Anstaltsleiter. Vor der Qualität sind wir alle gleich.

In der Tat muss ein Verkaufsgenie auch ein Kommunikationsexperte sein.

Michael: Absolut! Ich bin hier mit 40 Mann auf Station und da muss ich mich natürlich auch profilieren. Doch mit ein bisschen Köpfchen geht das, auch ohne das Stress aufkommen muss. Es gibt hier viele Insassen, die keinen Schulabschluss haben und die noch nie draußen gearbeitet haben. Dann wird es auch ein bisschen schwierig, sich mit denen zu unterhalten oder ihnen verständlich zu machen, wenn eine Grenze erreicht ist. Wenn Situationen ausufern, kann das nur zum Nachteil für alle Beteiligten sein, also auch für mich. Das zieht Maßnahmen nach sich, man bekommt Sachen gekürzt, bringt die Lockerung in Gefahr, usw. Es liegt an einem selbst, sich nicht in solche Situationen hineinziehen zu lassen, auch wenn der Andere es darauf anlegt.

Wie entschärft man denn am besten eine Situation, in der man den anderen allein schon aus räumlichen Gründen nicht weitläufig umgehen kann?

Michael: Indem man den Leuten einen Handel vorschlägt, der für beide Seiten gut ist. Ich nenne jetzt mal ein ganz banales Beispiel. Ich habe mal jemandem Tabak geliehen und nach drei Monaten hat er mir den immer noch nicht zurück gezahlt. Ich habe ihm dann vorgeschlagen, mir anstatt dessen eine Schokolade zu kaufen und dann war das Thema auch für mich erledigt. Meistens geht alles gut, wenn man den Leuten ’ne Lösung anbietet.

Welchen Wert hat es für dich in JVA einer Arbeit nachzugehen?

Michael: An erster Stelle steht, dass man von seiner Zelle runterkommt. An zweiter, dass man hier jeden Tag neue Menschen sieht und nicht nur die anderen Insassen auf Station. Die Arbeit ist sehr strukturiert und man ist von morgens 7:30 Uhr bis mittags 14:00 Uhr nicht auf der Zelle. Das ist definitiv eine sehr große psychische Entlastung für mich. Die Angestellten und Beamten der JVA haben da draußen ja auch noch ein Leben und dadurch bringen sie, während sie hier essen, ganz normale, alltägliche Themen mit rein, die nichts mit der JVA zu tun haben.

 

Es gibt keinen besseren Job in der JVA als diesen hier.
Für mich hatte dieser Betrieb Vorrang vor allen anderen.

Wie sieht für dich ein guter Arbeitstag aus?

Michael: Der beste Arbeitstag ist der, wenn wir so viele Kunden haben, dass wir nicht mehr daran denken, dass wir hier im Knast sind. Wenn die Kunden und der Chef zufrieden sind und ich das Gefühl habe, etwas geschafft zu haben, dann ist es wie im wirklichen Leben. Das gute Gefühl überträgt sich dann auch auf den weiteren Tagesverlauf.

Mal was ganz anderes, woher kommt eigentlich dein Nachname?

Michael: Ich bin US Bürger. Nach Deutschland bin ich durch meinen Vater gekommen, der seinerzeit in der Army gearbeitet hat und hier in Deutschland stationiert war. Das allererste Mal bin ich mit 11 Jahren nach Deutschland rübergekommen, von da an bin ich immer wieder zwischen Bremen und New York Syracuse hin- und hergependelt.

Hast du noch irgendeinen Bezug zu den USA?
Michael: Ja klar! Meine Mutter und auch mein Bruder wohnen noch drüben.

Darf ich fragen, ob dir die Freiheitsstrafe in der Justizvollzugsanstalt Bremen lieber ist, als eine in den USA?

Michael: Definitiv. Ich glaube drüben hätte ich Minimum das Dreifache gekriegt.

Sollen wir die Frage nach dem Haftgrund einfach weglassen?

Michael: Nein, das müssen wir nicht. Ich bin hier wegen Computerhacking und wegen Computerbetruges. Ich habe nichts mit BtM oder Gewalt zu tun.

Glaubst du, dass die Justizvollzugsanstalt einen auf ein straffreies Leben in der Gesellschaft vorbereiten kann? Kann man an diesem Ort überhaupt neue und vielleicht auch große Lebensperspektiven für sich entwickeln?

Michael: Für mich selber kann ich sagen, dass ich hier drin sehr gereift bin. Ich sehe und beobachte aber bei anderen Leuten, dass sie dringend eine intensivere Betreuung und zusätzliche Angebote bräuchten. Was die Resozialisierung betrifft, habe ich schon den Eindruck, dass die Anstaltsleitung im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles versucht, um Unterstützung anzubieten. Ich nehme an, dass das Land Bremen einfach nicht das Geld hat, um denen, die z.B. aufgrund von Drogenproblemen besondere Hilfe bräuchten, mehr Zeit und Hilfe zu widmen. Und dass es dann die gibt, die immer wieder kommen, ist auch klar.

Das ist aber dein Ziel nicht, wie ich raushöre.

Michael: Definitiv nicht!

Hast du schon eine Perspektive für dich entwickelt und Pläne für die Zukunft geschmiedet?

Michael: Ich werde auf jeden Fall mein Studium als Mediengestalter in Bremerhaven weiter verfolgen. Ich bin auch verheiratet. Meine Frau und meine Tochter, die mittlerweile schon 13 Jahre alt ist, leben auch dort. Deshalb steht mein zukünftiger Wohnsitz schon fest.

Würdest du sagen, dass Bildung vor Straffälligkeit schützt?

Michael: Nein, garantiert nicht. Ich selber habe ja auch Abitur gemacht und eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen. Ich denke, es fängt alles mit dem sozialen Umfeld an in dem man aufgewachsen ist. Ich habe dadurch, dass ich ständig zwischen Deutschland und den USA gependelt bin, keine richtige Heimat gehabt und auch kein stabiles soziales Umfeld aufbauen können. Da meine Eltern wegen ihrer Arbeit wirklich nicht viel da waren, musste ich mich im Alltag selber durchschlagen. Ich habe in der Zeit viele Leute kennengelernt, die nicht wirklich pralle waren. Es gab damals einfach kaum Menschen in meinem näheren Umfeld, die gute Vorbilder waren.

 

 

Du hast vorhin von einem Reifungsprozess gesprochen. Was siehst du hier und heute mit anderen Augen?

Michael: Früher habe ich gedacht, dass so kleine Sachen, die gegen die Regeln verstoßen vollkommen egal sind. Hier lernt man, dass das nicht der Fall ist und das jeder Verstoß gegen eine Regel eine Konsequenz nach sich zieht. Das war mir neu. Ich bin dem Punkt gereift und weiß nun, dass das zum Erwachsensein dazu gehört. Grade gestern war so ein Fall. Ich hatte Schmerzen und habe den Anstaltsarzt, der auch ins Bistro zum Essen kommt, direkt darauf angesprochen. Für mich persönlich war es ein Notfall, trotzdem hätte ich den regulären Weg gehen müssen, indem ich einen Antrag auf eine Untersuchung stelle. Im Unterschied zu früher wusste ich, dass ich damit eine Regel breche. Ich habe dann den Härtegrad der Konsequenz eingeschätzt und mich dann erst entschieden, mir auf dem direkten Wege Hilfe zu holen. Danach habe ich ne hollywoodreife Ansage bekommen.

Herr Jendrich (der Küchenchef) – bei der Arbeit und im Vorbeigehen – ergänzt:
Es ist menschlich, dass er sich Hilfe holen wollte, aber wir sind hier im Strafvollzug und seine Vollzugsgruppe, wo er seinen Haftraum hat, muss immer wissen, wo er grade ist und da kann er nicht mal eben privatpatienttechnisch zum Arzt gehen und einen Termin vereinbaren. Das geht nicht. Das muss hier alles seinen Gang gehen! Er muss einen Antrag stellen!

Wie empfindest du diesen sehr direkten Schlagabtausch mit Herr Jendrich?

Michael: Ich habe eine sehr spezielle Beziehung zu ihm. U.a auch, weil ich einer der ältesten Mitarbeiter im Bistro bin. Er überträgt mir viel Verantwortung und damit auch viele Freiheiten, aber er zeigt mir auch sehr deutlich Grenzen auf. Ich weiß, bis wohin ich gehen darf und wann ich zu weit gegangen bin. Genau das habe ich in meiner Kindheit und Jugend versäumt zu lernen. Deshalb kann man sagen, dass Herr Jendrich eine sehr zentrale Rolle bei der Resozialisierung in der JVA spielt. Dank seiner Orientierungshilfe sind die Leute im Bistro meistens auch die Leute, die schnell in Lockerung und in den offenen Vollzug kommen. Natürlich schlägt er mit seinen Sprüchen auch mal über die Strenge, aber die meisten können das ab. Er hat aber ein sehr gutes Gespür dafür, wer was ab kann. Ich will jetzt nicht sagen, dass er eine Art Vatersatz ist und Kumpel darf man in der JVA auch nicht sagen, aber er nimmt für uns alle eine sehr wichtige Rolle ein.

Wenn du aus heutiger Sicht dir Selbst als Jugendlichen einen Rat geben könntest, welcher wäre das?

Michael: Junge, du hättest wieder zurück in die USA gehen sollen.

Warum meinst du wäre das besser für Dich gewesen?

Michael: Ich hätte dort einen guten Job bekommen können, ich hätte meine Familie um mich herum gehabt, was mir dabei geholfen hätte, dem schlechten Umfeld hier in Deutschland zu entkommen. Ich glaube, ich hätte dort viel mehr aus mir rausholen können.

Was ist für dich ein gutes Leben, aus dem man alles für sich rausgeholt hat?

Michael: Das ich morgens aufstehen kann, mich im Spiegel angucken kann und weiß, dass es heute ein guter Tag wird. Und wenn er es nicht wird, die Gewissheit zu haben, dass morgen ein neuer Tag ist, an dem es besser werden kann. Ein gutes Leben ist auch ein Leben, in dem ich mit mir selbst im Reinen bin und weiß, dass ich keinem Menschen Schaden zugefügt habe. Das ich genug Geld habe, mich und meine Familie zu versorgen. Ich möchte nicht jeden Pfennig zweimal umdrehen müssen. Ich möchte auch nicht vom Amt leben. Ich möchte dass meine Tochter, die auf ein Gymnasium geht, eine gute Ausbildung hat. Ich muss sagen das meine Ehe sehr unter dieser Zeit hier gelitten hat, sehr! Ich würde mir wünschen, dass wir eine Familie bleiben.

Michael, ich danke dir sehr für dieses offene Gespräch und ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute. Good luck and every success in the future!

– Das Interview wurde von der Autorin Angela Ljiljanic geführt.

Die drei Chutneys, fertig für den Versand.